ARCHES: wie ein IT-Projekt Kunst & Kulturvermittlung inklusiv macht

Gustav Klimts "Der Kuss" als taktiles Relief.

Projektleiter Andreas Reichinger beim Bau des "Nudeldrucker"-Prototypen.

Bei einem der Workshops im Kunsthistorischen Museum Wien (c) ARCHES.

Der interaktive Multimedia Guide (c) KHM Museumsverband

Eine Teilnehmerin testet ein taktiles Relief beim ARCHES-Workshop in Musei Capitolini in Rom.

Fräsen eines Reliefs

Ein partizipativer Forscher notiert bei einem Workshop seine Wünsche für das barrierefreie Museum der Zukunft. (c) ARCHES

Beim Testen des interaktiven Multimedia Guides. (c) ARCHES

Das ARCHES-Team am VRVis: Cornelia Travnicek, Andreas Reichinger, Daniela Stoll.

Das ambitionierte und in seiner Art bislang einzigartige Horizon 2020-Projekt ARCHES vereinte namhafte Institutionen aus ganz Europa in der Bemühung, mithilfe von Key Enabling Technologies neue Wege für die barrierefreie Vermittlung von Kunst zu finden und Museen fit für das 21. Jahrhundert zu machen.

ARCHES – Accessible Ressources for Cultural Heritage EcoSystems – bündelte die Expertise und Innovationskraft von zwölf europäischen Institutionen, die gemeinsam an der Schnittstelle von Kunst, Technologie und Wissenschaft nach neuen Wegen gesucht haben, wie Kunst und Kulturvermittlung inklusiver gestaltet werden kann. VRVis fungierte als Koordinator bei diesem interdisziplinären und partizipativen Forschungsprojekt, das sechs der wichtigsten europäischen Museen (Kunsthistorisches Museum Wien, Museo de Bellas Artes de Asturias, Victoria & Albert Museum, Museo Thyssen-Bornemisza, The Wallace Collection, Museo Lazaro Galdiano), zwei weitere Technologieunternehmen (Signtime, Coprix), einen Kulturvermittler (Artecontacto) sowie zwei Universitäten (University of Bath, Open University) umfasste. Das Herzstück des Projekts war die Teilnahme von über 200 Menschen, die aufgrund ihrer Seh-, Gehör- und kognitiven Beeinträchtigungen besondere Zugangsbedürfnisse zu Kunst und Kultur haben. Sie brachten sich im Rahmen regelmäßiger Workshops in London, Madrid, Oviedo und Wien als Expertinnen und Experten ein und lieferten wertvolle Einsichten und Feedbacks für die Entwicklungsarbeit. Als Ergebnisse dieser dreijährigen partizipativen Forschungsarbeit sind eine Reihe von Lösungen entstanden: von kostengünstig herstellbaren taktilen Reliefen über Multimedia Guides, Gebärdensprache-Avataren sowie Apps und Spiele für mobile Endgeräte bis hin zu Trainingsanleitungen für Museumsmitarbeiterinnen und –mitarbeiter, um diese für das All-Access-Museum der Zukunft fit zu machen.

Forschungsergebnisse von VRVis am Rahmen des ARCHES-Projekts

Taktile Reliefe

Bereits seit einem Jahrzehnt beschäftigt sich am VRVis eine eigene Forschungsgruppe damit, Kunst mittels Technologie auch für sehbeeinträchtige und blinde Personen zugänglich zu machen. Auf diese Erkenntnisse im Bereich der inklusiven Digitalisierung aufbauend, entwickelte VRVis eine softwaregestützte Methode, mit der anhand von 3D-Scans und Fotografien Kunstwerke in digitale 2.5D-Modelle übersetzt werden. Diese dienen als „Fertigungsschablone“ für taktile Reliefe, welche durch ein innovatives Fräsverfahren aus widerstandsfähigen Materialien wie Corian hergestellt werden. Die Reliefe zeichnen sich dabei sowohl durch die qualitative Hochwertigkeit trotz vergleichbar geringen Herstellungskosten sowie durch die genaue Übersetzung selbst kleinster 2D-Details in ertastbare Feinheiten aus.

Im Rahmen von ARCHES wurde für jedes der sechs am Forschungsprojekt beteiligten Museen von einem ihrer Kunstwerke ein taktiles Relief angefertigt und in die Ausstellung implementiert. Darüber hinaus ergänzen die Tastreliefe des VRVis aber auch längst in anderen Kunstinstitutionen die Originalkunstwerke und leisten einen wichtigen Beitrag zur barrierefreien Kunstvermittlung.

Interaktiver Multimedia Guide für Museumsobjekte

Während der Evaluationen und Testungen im Rahmen der In-House-Workshops der in ARCHES involvierten Museen äußerten die Teilnehmenden wiederholt den Wunsch, dass die taktilen Reliefe um weitere Interaktionsebenen ausgebaut werden sollten. Daraufhin begann VRVis den bereits im Rahmen des AMBAVis-Projekts zuvor entstandenen interaktiven Audioguide, der als erste mediale Ergänzung der taktilen Reliefe für sehbeeinträchtige und blinde Menschen entwickelt wurde, Schritt für Schritt um weitere Elemente zu erweitern.

Der aus dieser Forschungsarbeit hervorgegangene interaktive Multimedia Guide zeichnet sich durch die Verschränkung des Seh-, Tast- und Hörsinns sowie sein technisch sehr einfaches Setup aus: Die HP Sprout, die mit einem Touchscreen, einer Tiefenkamera und mehreren Farbkameras ausgestattet ist, ist vergleichsweise unkompliziert zu transportieren und aufzubauen. Als Ergänzung zu den taktilen Reliefen liefert der Guide auf einfache Fingerzeige hin Hintergrundinformationen zu den Kunstwerken in Form von Gebärdensprache-Videos, Audio-Dateien, mit und ohne Untertitel, sowie Texten in verschiedenen Schwierigkeitsgraden. Zusätzlich unterstützen Soundscapes, Animationen und spezielle Projektionen die Kunsterfahrung.

Durch die niederschwellige und intuitive Anwendung sowie die große Bandbreite an Vermittlungsangeboten, die der Multimedia Guide in sich vereint, ist er sowohl für Menschen mit besonderen Bedürfnissen ein wichtiges Tool, um Kunst inklusiv und ohne Barrieren erleben zu können, als auch generell eine bereichernde Erfahrung für alle Museumsbesucherinnen und -besucher.

„Reliefdrucker“

Auf Basis der Erkenntnisse des Forschungsprojekts AMBAVis entwickelten die Forschenden des VRVis während des ARCHES-Projekts außerdem den Prototypen des sogenannten „Reliefdruckers“ weiter. Dieser ist allerdings nur dem Namen nach ein Drucker, denn es handelt sich dabei um ein Gerät, das durch mechanische Adjustierung von Pins temporäre taktile Reliefe herstellen kann. Diese speziellen Reliefe werden anders als die bisherigen nicht mehr gefräst, sondern nach der mechanischen Modellierung der Pins durch den „Drucker“ in einen adjustierbaren Rahmen gespannt. Durch diese „Druckmethode“ wird das Relief-Medium beliebig oft wiederverwendbar. Sowohl das aus Pins bestehende Medium, das als taktiles Relief im Museum ausgestellt werden kann, als auch der „Reliefdrucker“ sind zum Patent angemeldet.

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